Tagträumen erlaubt


21. Mai 2017 / Nadine



Letztens ist mir etwas wirklich Schönes passiert. Ich saß in meinem Auto auf dem Weg nach Hause und stand im Feierabendverkehr an einer Ampel an. Und als mein Blick durch die Fußgängerzone streifte, sah ich eine Mutter, die ihren Sohn und ihre Tochter von der Schule und der Kita abgeholte hatte. Beide hielten fröhlich ein Gebäck vom Bäcker in den Händen und knabberten daran. Dann blieb das Mädchen auf einmal stehen. Wie verwurzelt stand sie vor einem Brautmodengeschäft und bewunderte ein Brautkleid. Ihre Mutter und ihr Bruder hatten ihr Stehenbleiben nicht weiter bemerkt und gingen weiter ihren Weg, während das Mädchen dort stand und staunte. Und plötzlich griff sie nach ihrem Rockzipfel, hieb ihn ein Stück an und drehte sich vor dem Schaufenster. Sie schwankte und tanzte, immer das Brautkleid im Blick. Nichts konnte sie aus ihrer süßen Träumerei holen. Und während das Mädchen so ihrem Tagtraum hinterherjagte, zeichnete sich ein Lächeln auf meinen Lippen ab und ich verschwand in meinem eigenen Tagtraum darüber, wovon ich als Kind so geträumt habe.

HUUUUUUP!!

Es dauerte nicht lange, da wurde ich auch schon aus meinen Gedanken gerissen, denn die Ampel schaltete auf grün und der Feierabendverkehr war sichtlich genervt von so viel Trödelei. Ich jagte den ersten Gang rein und heizte los. Aber der Erholungseffekt und das Lächeln in meinem Gesicht blieben.

Ich bin Müßiggänger und lade meine Seele zu Gaste, ich lehne mich an oder schweife umher nach meinem Behagen und betrachte einen Halm des Sommergrases.

– Walt Whitman

Was passiert denn beim Tagträumen?

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir während des Tagträumens in einen Ruhemodus verfallen. Ein Zustand, indem unser Gehirn komplett zur Ruhe und zu neuen Kräften kommt. Man kann sich das vorstellen wir eine Blume, die an heißen Sommertagen schon mit Blüten und Blättern am Boden hängt und nach einem Schluck Wasser rappelt sie sich wieder auf und nach kurzer Zeit streckt sie ihre Blütenköpfe wieder Richtung Sonne. So in etwa geht es unserem Geist, wenn wir nach einer konzentrierten Phase auch mal einen Moment pausieren. In diesem Ruhezustand entwickeln sich neue Ideen, entstehen Bilder und Erinnerungen ziehen vorbei. Außerdem hat das Gehirn die Möglichkeit, neu aufgenommene Informationen leichter zu verarbeiten und einzusortieren, sowie einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Während wir uns gönnen, uns einen Moment auszuruhen, tanken unser Körper und unser Geist neue Energien und schaffen sich Reserven für die nächsten leistungsfordernden Phasen. Das gedankliche Spazierengehen, mal abzuschweifen und sich einen Moment einfach nur die Welt anzuschauen ist wie eine erfrischende Dusche von innen.

 



 

Sich Müßiggang gönnen

Früher galt Muße, also Langsamsein, Nichtstun, Gedankenschweifen und Pausieren als erstrebenswert und war ein Ideal zwischen den Denkern und den Kreativen. Heute allerdings, in einer leistungsstarken Gesellschaft wie unsere, wird Nichtstun gleichgesetzt mit Faulenzen und das hat natürlich einen bitteren Beigeschmack. Bummeln wird einfach nicht gerne gesehen, daher sind wir auch strenger mit uns selbst geworden. Dabei ist es ein Trugschluss, dass wir mehr leisten und schaffen, wenn man „durchzieht“, eine Arbeit am Stück durchackert und dabei bis an die Grenzen geht. Wer sich immer im Leistungsmodus und Beschäftigung befindet, der verliert das Gleichgewicht zwischen Ruhemodus (Pausieren, Entspannen, Tagträumen) und Aktivitätsmodus (Arbeit, Beschäftigung, Ablenkung) und gerät dadurch viel schneller an die Erschöpfungsgrenze. Durch gelegentliches Tagträumen halten wir insgesamt viel länger durch und arbeiten qualitativ besser.

Tagträume erhalten unser seelisches Gleichgewicht.

– Elisabeth Maria Maurer

 

Tagträumen – wie geht das?

Wir müssen so viele Informationen verarbeiten (fünfmal mehr als in den 80er Jahren!), dass das Gehirn viel schneller an sein Limit kommt – Überforderung, Erschöpfung und Müdigkeit sind einige Folgen. Wer beim Arbeiten immer wieder abdriftet und sich anstrengen muss zu konzentrieren, der wird vom Gehirn gewarnt, dass es höchste Zeit ist einen kleinen Moment Abstand zu nehmen und in eine Tagträumerei oder einer Gedankenpause zu verfallen. Gelegentliche Langeweile öffnet Raum für Fantasien, Kreativität und neue Ideen. Aber wie geht das? Zeit vertrödeln ist offensichtlich etwas, was wir erst wieder erlernen müssen.

Wir sind es so gewohnt stets beschäftigt zu sein, dass es den meisten von uns sogar schwer fällt einmal nichts zu tun. Wir sind vollgepumpt mit Stresshormonen und Adrenalin und können den Ruhezustand kaum ertragen, suchen immer wieder nach neuen Reizen (11 Minuten am Stück ertragen wir ohne neuen Reiz). Deshalb ist es notwendig sich hin und wieder zu einer kleinen Pause, einer Tagträumerei zu zwingen und sich in den Ruhemodus zu versetzen. Der Körper und der Geist lernen wieder auch mal loszulassen und zu entspannen. Eine Runde aus dem Fenster schauen, vorbeiziehende Wolken zu beobachten, die natürliche Umgebung in Augenschein nehmen, ein kleiner Spaziergang, das Konzentrieren auf den Atem, Kritzeleien auf einem Papier oder einfach das gute alte Fantasieren, schaffen ausreichend Ruhemomente, um wieder fit zu werden.

Zum Denken gehören nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern auch ihre Stilllegung.

– Walter Benjamin

 

 

Ich persönlich gehe wahnsinnig gerne Spazieren und lasse dabei meine Seele baumeln. Natürlich geht das nicht immer und überall. In solchen Momenten gehe ich gerne gedanklich bummeln. Bei einem meiner letzten Spaziergänge habe ich zum Beispiel ein wunderschönes verwildertes Grundstück entdeckt. Die Zaunlatten hängen schief und krumm, das alte rostige Gartentor versteckt sich unter Rankelpflanzen, an einem alten knorrigen Apfelbaum hängt eine Schaukel und wenn man genauer hinschaut, dann sieht man eine grüne Bank zwischen den hohen Gräsern durchblitzen. Und wann immer ich eine Gedankenpause brauche, stelle ich mir vor, wie ich auf diesem verträumten Grundstück ein kleines Häuschen schustere, Blumen und Gemüse im Garten pflanze und eine kleine Veranda dekoriere. Genügend Stoff für einen kurzen Ausflug in einen erholsamen Tagtraum.

 

Von Herzen

Nadine
Please follow and like us:
RSS
Email
Pinterest
Pinterest
Facebook
Facebook
Twitter
Google+
http://flowermind-magazine.com/tagtraeumen-erlaubt/

Das könnte dir auch gefallen

Hinterlasse einen Kommentar

Teile deine Gedanken

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz